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Körpernormierung als Zeitgeist?

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Immer mehr Menschen legen sich für ein vermeintlich besseres Aussehen unters Messer. Dabei rückt seit einiger Zeit auch der weibliche Intimbereich in den Fokus. In Berlin wurde das Thema intensiv diskutiert.
Freitag, 19. Juli 2013
Intimchirurgie 1

Dr. Ada Borkenhagen, Sybill Schulz, Dr. Ines Scheibe und Dr. Mithu Sanyal (v.l.n.r.) auf dem Podium | Foto: Arik Platzek

Allein 2011 unterzogen sich in Deutschland rund eine halbe Million Menschen einer ästhetischen Operation – nicht eingerechnet sind dabei etwa Behandlungen mit Botox. Weltweit wurden in in diesem Jahr 14,7 Millionen Schönheitsoperationen durchgeführt, insbesondere Fettabsaugungen. Doch nicht nur Bäuche werden operativ verändert, sondern seit einiger Zeit auch der weibliche Intimbereich. Die Zahlen solcher Operationen – zu ihnen zählen etwa die Verengung der Vagina oder Schamlippenkorrekturen - sind zwar noch gering, verzeichnen aber hohe Steigerungsraten. 

Mit den Gründen für diese Entwicklung und ihre sozialen sowie kulturellen Implikationen befasste sich die Veranstaltung „Frauen zwischen Körperoptimierung und sexueller Selbstbestimmung. Schönheitswahn erfasst den Genitalbereich - wie gehen Frauen damit um?“ am 3. Juni 2013 in der Urania, organisiert vom Humanistischen Verband Berlin-Brandenburg und dem Familienplanungszentrum – BALANCE in Kooperation mit der Urania Berlin.

Sehr kontrovers und anschaulich diskutiert wurde auf die Eingangsfragen der Geschäftsführerin des FPZ – BALANCE, Sybill Schulz, hin, ob dieser anhaltende Trend auf eine medial vermittelte Norm über den perfekten Körper zurückzuführen sei bzw.: „Ist die aktuelle Situation ein Ausdruck von individueller Vielfalt und Selbstbestimmung über den eigenen Körper auch im  Genitalbereich?“ Deutlich wurde auf der Veranstaltung, die von rund 60 Teilnehmenden besucht war, dass es einen ungebrochenen Trend zur glatt rasierten Vulva gerade bei jüngeren Menschen gibt, der sowohl von der Porno- als auch von der Modeindustrie beeinflusst ist. Darin zeige sich der Wunsch nach einem kindlichen Aussehen, betonte Dr. Marwan Nuwayhid, Genitalchirurg und Vorsitzender der Gesellschaft für ästhetische und rekonstruktive Intimchirurgie in Deutschland (GAERID)

Klar ist, dass mit dieser Praktik auch das lange verleugnete weibliche Geschlecht sichtbar und damit die Frage virulent geworden ist, wie eine schöne Vulva aussieht. Die Sichtbarkeit sei, so die Psychologin Dr. Ada Borkenhagen, etwas Emanzipatives, kritikwürdig seien jedoch die ästhetischen Normen, die sich damit entwickelt hätten. „Die Ausweitung kultureller Schönheitsnormen beinhaltet einen Gestaltungsimperativ“, sagte Borkenhagen und brachte diese Debatte mit anderen Optimierungsdiskursen in Verbindung, etwa den, fit bis ins hohe Alter sein zu müssen. „Selbstoptimierung ist der neue Sozialcharakter des Menschen“, so Borkenhagen.

Legitimiert werden Operationen im Intimbereich häufig mit hygienischen oder medizinischen Gründen, etwa Beschwerden beim Fahrradfahren. Dass solche Argumente mit gesellschaftlichen und weniger mit individuellen Vorstellungen von Schönheit einhergehen, darauf verwies die Autorin des Buches , Dr. Mithu Sanyal. Bei operativ verkleinerten Schamplippen etwa käme die kulturelle und letztlich auch koloniale Vorstellung zum Tragen, dass sie auch eine kleine Libido und damit Zivilisiertheit bedeuteten. Sanyal betonte, dass das operative Anpassen an diese Ideale häufig mit dem Vokabular der Frauenbewegung der 70er Jahre wie Selbstbestimmung oder der freien Wahl legitimiert werde. 

Foto: A. Platzek

Marwan Nuwayhid erklärte, warum sich Frauen für Schönheitsoperationen im Genitalbereich entscheiden. Foto: A. Platzek

Dabei habe die Schönheitsindustrie hier nur einen erneuten Vorstoß unternommen, um „Frauen Schönheit abzusprechen“, stellte die Kommunikationswissenschaftlerin Laura Méritt fest. „Durch die OPs wird ein bestimmtes Bild von Weiblichkeit und Männlichkeit konstruiert, alles Abweichende wird als nicht-schön oder nicht-normal dargestellt.“ Es werde so getan, als gehe guter und schöner Sex nur mit einem schönen Körper. Entgegen dieser einengenden Vorstellungen betonte Meritt: „Wir Feministinnen wollen Empowerment stark machen.“

Als Fazit der Podiumsdiskussion hielten die Veranstalterinnen, Dr. Ines Scheibe und Sybill Schulz, fest, dass die Sensibilisierung für die Thematik auf unterschiedlichen Ebenen und mittels Medienunterstützung fortzuführen sei; dabei seien sexualpädagogische Veranstaltungen für Schulklassen eine Form der Aufklärung und Bewusstseinsbildung von Kindern und Jugendlichen.