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Diplomatische Posse sorgt für klare Verhältnisse

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EU-Ratspräsident José Manuel Barroso wurde nach der Seligsprechung von Papst Johannes Paul II. nicht zum amtierenden Papst vorgelassen. Die Pressestellen im Vatikan und in Brüssel spielen den Vorfall nun herunter und entlarven dabei, wie gefährlich nah sich EU-Institutionen und Vatikan sind
Dienstag, 24. Mai 2011
Petersdom im Vatikan

© GanzNah, wiki commons

Einem Bericht der italienischen Tageszeitung Corriere della Sera wurde EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso nach der Messe zur Seligsprechung von Johannes Paul II. nicht zu Papst Benedikt XVI. vorgelassen, weil er nicht auf der Liste der dazu ermächtigten Personen stand. Die Pressesprecher beider Seiten spielen den Vorfall herunter und beweisen dabei die gefährliche Nähe der höchsten EU-Offiziellen und der Katholischen Kirche.

Von dem Verantwortlichen des Vatikans für die Zeremonie seien Barroso und seine Frau, die Literaturwissenschaftlerin Margarida Sousa Uva, sowie der Vizepräsident der Europäische Kommission, der Italiener Antonio Tajani, angehalten worden, als sie gemeinsam mit den Staats-und Regierungschefs zu einem Empfang von Papst Benedikt XVI. gehen wollten. Der Grund: Sie standen nicht auf der Gästeliste. Den Angaben der Zeitung zufolge sei der erstaunte Barroso nach „demütigenden Verhandlungen" - in denen er habe erklären müssen, wer er sei - schließlich doch mit seiner Frau zum Papst vorgelassen worden. Um den Papst persönlich zu sehen, sei er aber zu spät gekommen und habe die Zeremonie wieder verärgert verlassen.

Neben dem ranghöchsten Vertreter der Europäischen Union waren auch der Präsident des Europäischen Rates, Herman Van Rompuy, und der Präsident des Europäischen Parlaments, Jerzy Buzek, anwesend. Auch sie wurden alles andere als herzlich im Vatikan empfangen. Ihre Plätze fanden sie den Zeitungsberichten zufolge bei den nachrangigen diplomatischen Delegationen. Bei der Messe in Rom waren unter den geladenen Staats- und Regierungschefs auch Despoten wie Simbabwes Diktator Robert Mugabe.

Unklar ist, wie es zu diesem diplomatischen Fauxpas kommen konnte. Waren Barroso, Van Rompuy und Buzek vom offiziellen diplomatischen Dienst des Vatikanstaats eingeladen? Oder waren Sie nur von Antonio Tajani zur Messe gebeten worden? Oder gar aus eigenem Interesse gekommen (was einmal mehr Beleg der Kirchennähe der höchsten EU-Diplomaten wäre)? Wenn sie offiziell eingeladen waren, dann ist das Verhalten der vatikanischen Verantwortlichen schlichtweg ein diplomatischer Affront. Der Kommentator von Corriere della Sera wertete die Vorkommnisse als Ausdruck des Verhältnisses zwischen Vatikan und Europäischer Union. Der Vatikan beschuldigt die EU seit Monaten, christliche Symbole und Traditionen an den Rand zu drängen.

EU-´Vatikan

EU-Institutionen und Vatikan - Europas organisierte Säkulare bewerten das Verhältnis als viel zu nah | © Thomas Hummitzsch

Der Pressesprecher des Vatikan, Frederico Lombardi, sagte vergangene Woche gegenüber der katholischen Presseagentur Asca, dass nicht Barroso, sondern Van Rompuy als EU-Offizieller für den Empfang beim Papst angemeldet gewesen sei. Wer in den Ereignissen einen Ausdruck eines gestörten Verhältnisses zwischen dem Heiligen Stuhl und den europäischen Institutionen sehe, würde sich täuschen. „Es gibt keinen Grund, von geringerer Wertschätzung und Anerkennung für die europäischen Institutionen durch den Heiligen Stuhl zu sprechen. Die Begrüßung von Präsident Van Rompuy durch den Papst zeige die Anerkennung deutlich", sagte Lobmbardi. Auch Barrosos Sprecherin Pia Ahrenkilde Hansen sagte am vergangenen Freitag, dass man das Ereignis nicht überbewerten solle. Die Beziehungen der EU zum Vatikan seien sehr gut.

Säkulare und Humanisten in Europa vernehmen dies sicher mit Interesse. EU-Institutionen und Verantwortliche präsentieren sich immer wieder in der Näher der Kirchen. Erst Anfang März hatten sich die in der EU organisierten säkularen Kräfte bei Parlamentspräsident Buzek beschwert, nachdem dieser Papst Benedikt XVI. zu einer Rede vor dem Europäischen Parlament (EP) eingeladen hatte. Das EP berate und beschließe Richtlinien für alle 500 Millionen Europäer, unabhängig von ihrer Weltanschauung, ihrem Glauben oder Religion. „Es ist völlig unangemessen, wenn diese Plenarsitzungen als Podium für religiöse Botschaften verwendet werden", hieß es im März in einem Schreiben an Buzek.

Das Verhältnis von EU und Katholischer Kirche ist eher respektvoll, als kritisch. EU-Parlamentarierin Sophie In't Veld schrieb im März in einem Beitrag im britischen Guardian, dass sich die Religion auch in den Lobbys der EU mehr und mehr ausbreite - obwohl die EU als strikt säkulares Projekt gestaltet wurde. Doch säkulare Organisationen würden im Großen und Ganzen ignoriert. Die Beamten von Barroso und Van Rompuy würden sich „vorrangig nur um den Kontakt zu den Kirchen kümmern". Die Katholische Bischofskonferenz sei eine der machtvollsten Lobbygruppen in Brüssel, schreibt In't Veld in dem Beitrag.

Wenn Vatikan und die Verantwortungsträger der EU nun den Eklat vom 1. Mai herunterspielen, indem sie ihre positiven Beziehungen betonen, entlarven sie zugleich ihre viel zu engen Bindungen. Die Trennung von Staat und Kirche ist im säkularen Projekt Europäische Union offensichtlich noch Zukunftsmusik.

Eine Übersetzung des Beitrags von Sophie in't Veld befindet sich in der Print-Ausgabe von diesseits - Das Magazin für weltlichen Humanismus, die Sie hier zum Preis von 4,25 Euro bestellen können.