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Presseschau: Skeptische Perspektiven auf Alternativmedizin und ihre Lobby

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Heilende Zuckerkugeln, pseudotherapeutische Hilfen, die Gefahr der Pseudowissenschaft der Klimawandel-Skeptiker und Oliver Sacks Erforschungen zu Halluzinationen und ihren Wirkungen – das sind die Themen der aktuellen Ausgaben der Skeptiker-Magazine aus Deutschland und den USA.
Freitag, 28. Juni 2013
Skeptiker 2-1013

Stellen sie sich vor, sie gehen mit ihrem kranken Kind zum Arzt und dieser schickt sie mit der Empfehlung nach Hause, es mit etwas Zucker zu probieren. Was vor Jahren noch unvorstellbar war, ist heute völlige Normalität. Vor Jahren diente ein Löffel mit Zucker noch als Trägerstoff, der dafür sorgen sollte, Rizinus und andere Bitterstoffe in Medikamenten geschmacklich zu überlagern. Inzwischen muss der Zucker von einem Plastiklöffel in den Mund rollen, weil er auf einem Metalllöffel die flüchtigen Botenstoffe der Heilung verlieren könnte. Diese sind nämlich angeblich irgendwo in Zuckerkügelchen versteckt, was wissenschaftlich zwar nicht nachweisbar ist (demonstrativ gaben sich im April in Wien eine homöopathische Überdosis), aber tausende nicht davon abhält, dennoch auf die Methode der homöopathischen Wunderheilung zu setzen. Homöopathie ist auf dem Vormarsch. Keine Kinderarztpraxis, in der nicht die kleinen Zuckerkügelchen in der x-ten Potenz empfohlen werden. Ärzte, die die alternativmedizinische Behandlung nicht anbieten, können ihre Praxen heutzutage auch gleich schließen.

Noch spannender aber als das Arzt-Homöopathie-Verhältnis ist die Apotheker-Globuli-Beziehung. Diese wird, so erklärt die angehende Pharmazeutin Claudia Graneis, von Anfang an intensiv gepflegt, sei es durch Pflichtseminare zur Anthroposophie für Erstsemester, die weitere Einbindung von Geist- Astral- und Ätherleiblehre in die Lehrpläne des wissenschaftlichen Pharmazie- und Medizinstudiums oder die Förderung der homöopathischen Industrie durch Apothekerkammern. Die den Apothekern auferlegte Pflicht zur Beratung, der finanzielle Druck in vielen Apotheken bei gleichzeitiger Aussicht auf zusätzliche Einnahmen und geschickt platzierte Werbung in der Apotheken-Umschau tragen dann ihres dazu bei, dass die homöopathischen Alternativen zunehmend nachweislich wirksame Medikamente aus den Regalen vertreiben. Am Ende läuft es darauf hinaus, was dem Autoren einmal eine bekannte Apothekerin alter Schule anvertraute: „Homöopathische Medikamente helfen vor allem der millionenschweren Industrie, die dahinter steckt.“

Die aktuelle Ausgabe des Skeptical Inquirer beschäftigt sich – wenngleich aus der US-amerikanischen Perspektive – mit einem ähnlichen Thema. In einem achtseitigen Beitrag untersuchen die Autoren die Einbindung ganzheitlicher und alternativer medizinischer Methoden in das Curriculum des Medizinstudiums. Millionenschwere Förderprogramme von Staat – begeisterte Senatoren machen so den amerikanischen Steuerzahler zum Finanzier nicht-wissenschaftlicher Medizinkampagnen – und Homöo-Lobby sind seit 1998 aufgelegt worden, um alternativmedizinische Therapien wie Qigong, Reiki, Akkupunktur und Magnettherapien in den Lehrplänen von angehenden Medizinern, Biologen und Chemikern zu verankern und eigene Fakultäten an den renommiertesten Universitäten zu gründen. An der Universität in Minneapolis wurde für knapp drei Millionen Euro ein Zentrum für spirituelle Heilung eingerichtet, an der Medizinischen Fakultät der Harvard-Universität wurden für 2,2 Millionen Euro Kurse zu Reiki, Homöopathie und Energieheilung angeboten, an der Universität von Kalifornien wurden sogar 3,5 Millionen Euro investiert, um ganzheitliche, integrative und alternative „Heilmethoden“ zu vermitteln.

Skeptical Inquirer

Ähnlich blümerant wie auf dem Markt der Homöo-Pharmazie geht es auch im Bereich der psychischen Hilfen zu. Esoterische Angebote von Geistheilern, Schamanen und anderen selbst ernannten Scharlatanen boomen deutschlandweit. Sekten-Info NRW hatte im März sogar eine Rechtsleitfaden ins Netz gestellt, weil immer mehr Menschen auf die Machenschaften der selbst ernannten Wunderheiler hereinfallen. Den so genannten „Pseudotherapien“ widmete sich auch die 22. Jahreskonferenz der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP), von der im aktuellen Heft ebenfalls berichtet wird wie über die so genannten Energiemeridiantechniken, mit deren Hilfe man durch Klopfen angeblich den Energiefluss im Körper regulieren können soll. Dreimal Holz, möchte man da sagen.  

Aber zurück zu den Geistheilern: Der Skeptiker berichtet gar von einem Naturkindergarten in Kassel, in dem das pädagogische Personal erzieherische Fragen ausgependelt haben. Der Einrichtung wurde die Betriebserlaubnis entzogen. Aber was bei einer öffentlich geförderten Kindertagesstätte geht, nämlich diese zu schließen, funktioniert bei privat betriebenen „Heilpraxen“ kaum. In solchen wird schon mal der Zauberstab herausgeholt oder Himmelswesen werden angerufen, um die seelische Unausgeglichenheit der Kunden zu bereinigen. Dass diese gerade aufgrund ihrer psychischen Versehrtheit anfällig und verführbar sind, ist die Krux an der Sache. Dass man sich der Psyche und ihrer Stabilisierung in Krankheitssituationen zuwendet, ist völlig richtig. Aber „allzu oft nutzen unseriöse Anbieter die Notlage der Betroffenen aus“, schreibt die Diplompsychologin Heike Dierbach in ihrem lesenswerten Beitrag. Der Schaden entsteht, weil den betroffenen Menschen nicht geholfen wird. Stattdessen zieht man ihnen für billigen Hokuspokus viel Geld aus der Tasche. Da hilft am Ende nur ein Mantra: „Gegen psychische Beschwerden helfen nicht Universum oder Engel, sondern gut ausgebildete Menschen.“

An der schulischen und universitären Grundlagenbildung in den USA zerren seit Jahren die Klimawandel-Skeptiker. Beim Klimawandel gerate die Wissenschaft aufgrund des Verlaufs der wissenschafts- und bildungspolitischen Debatte, die von Wirtschaftslobbyisten und konservativen Politikern massiv beeinflusst wird, zunehmend unter die Räder, schreiben die Wissenschaftler Christopher Hassall, Chris A. Hebbern und Carley J. Centen im Skeptical Inquirer.  Dass die seriösen wissenschaftlichen Daten und Erkenntnisse den Klimawandel belegen, halte die Klimawandelskeptiker nicht davon ab, in Schulen und Universitäten – sich berufend auf die Freiheit der Wissenschaften – ihre obskuren Ableitungen als „die Wahrheit hinter der Klimawandelverschwörung“ vorzubringen. Es sei alarmierend, wie präsent diese irreführenden Daten an den Fakultäten seien. „Studenten, Wissenschaftler und die allgemeine Öffentlichkeit sollten sich über die Präsenz der Pseudowissenschaften an den Universitäten bewusst sein und dem dort präsentierten Material kritisch gegenüber sein“, appellieren die Autoren in ihrem Beitrag.

Außerdem hat die Redaktion der amerikanischen Skeptiker ein überaus lesenswertes Interview mit dem britischen Neurologen und Schriftsteller Oliver Sacks geführt. Anlass ist sein neues Buch (Originalausgabe ), das gerade in den USA erschienen ist. Im Interview spricht er über seiner Erfahrungen mit Patienten, die in verschiedenen Zusammenhängen und Zuständen Halluzinationen, Imaginationen oder Ekstasen, also visuelle oder auditive Fehlwahrnehmungen und Fehlhandlungen, erlebt haben. Dies ist schon allein aus dem Grunde spannend, weil man eine Menge über die verschiedenen Arten von Halluzinationen, die damit einhergehenden neurologischen Aktivitäten und deren mögliche Bedeutungen erfährt. Sacks zieht dabei auch eine Grenze zwischen Halluzinationen und religiösen Erscheinungen, wobei letztere eher Ursachen einer individuellen Deutungsentscheidung von Imaginationen bei den Betroffenen zu sein scheinen.

Den Skeptiker können Sie an ihrem gut sortierten Kiosk erwerben oder hier direkt bestellen. Den Skeptical Inquirer können Sie hier bestellen.

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