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„Wir sollten nicht die gleichen Denkfehler machen, die wir anderen vorwerfen“

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Wie können wir Sinn von Unsinn unterscheiden? Kann man kritisches Denken lernen? Wie gelingt die Meinungsbildung trotz zunehmender Polarisierung? Mit dem Philosophen, Risikoethiker und Skeptiker Nikil Mukerji haben wir über diese wichtigen Fragen unserer Zeit gesprochen – und darüber, warum es wichtig ist, anderen Menschen zuzuhören (auch wenn sie Unsinn erzählen).
Montag, 28. Juni 2021

Dr. Nikil Mukerji, Foto: Lara Witossek

Nikil, du hast ein Buch über „Die 10 Gebote des gesunden Menschenverstands“ geschrieben. Kann kritisches Denken erlernt werden?

Ich glaube, jeder besitzt diese Fähigkeit bereits zu einem gewissen Grad. Man muss sie also nicht erst lernen, sondern nur entwickeln und differenzieren. Und man muss es wollen – es ist vor allem eine Motivationsfrage.

Und wie lernt man kritisches Denken am besten?

Dafür gibt es einige Voraussetzungen. Zum Beispiel sollte die eigene Umgebung so gestaltet sein, dass sie logisches Denken fördert. Wenn man viel mit Menschen spricht, die vernünftig sind, dann wird einen das automatisch in dieselbe Richtung stupsen. Ein besonders hoher Bildungsgrad ist übrigens keine Voraussetzung für Vernunft. Letztlich habe ich in meinem Buch Regeln aufgeschrieben, die helfen, grundlegende Denkfehler zu erkennen. In ihren Grundzügen sind diese Regeln sehr einfach. Jeder kompetente Zwölfjährige kann sie meines Erachtens verstehen. Wenn Menschen also gegen diese Regeln verstoßen, dann liegt das schonmal nicht daran, dass ihnen die Bildung oder Rechenkapazität fehlt.

Woran liegt das deiner Ansicht nach stattdessen?

Ich würde sagen, das Problematischste, wozu wir neigen, ist, dass wir Identitäten entwickeln und uns dann mit Leuten assoziieren, die die gleichen Identitäten haben. Sagen wir, ich bin politisch progressiv und links und ein bisschen grün. Jemanden, der das auch ist, halte ich dann für intelligent und vernünftig und wahrscheinlich auch für einen guten Menschen. Und alle anderen, die sagen: „Ich bin konservativ und wirtschaftsliberal“, die sind dann für mich entweder dumm oder furchtbare Menschen oder wissen nichts. Dieses Denkmodell kann uns extrem in die Irre führen. Denn Menschen sind extrem widersprüchlich. Es gibt Leute, die auf der einen Seite ziemlich problematische Thesen vertreten, aber in anderer Hinsicht sehr sinnvolle Sachen sagen.

Hast du ein Beispiel dafür?

Wenn jemand aus dem homöopathischen Lager sagt: „Die Schulmedizin sieht den Patienten nicht als vollständigen Menschen, sondern als eine Art Ersatzteillager“. Da würde ich sagen, da kann echt was dran sein, obwohl ich nicht glaube, dass mit verhextem Zucker irgendwas geheilt werden kann.

Wenn jemand eine dumme These vertritt, dann sind nicht alle anderen Thesen dieser Person automatisch auch Quatsch.

Genau. Wenn ich mir eine Einschätzung zu einem Thema erarbeite, versuche ich immer zu fragen: Was könnte man gegen meine Position sagen, was sind gute Argumente, die man hier einwenden könnte? Das versuche ich auch sehr konsequent zu tun. Wir sollten nicht die gleichen Denkfehler machen, die wir anderen vorwerfen. Viele hören leider nur auf ihre eigene Blase. Nimm das Beispiel Maskenträger und Maskenverweigerer. Das Thema wird politisiert, obwohl es hier in erster Linie um eine medizinische Frage geht. Eine Maske zu tragen, ist eine medizinische Entscheidung und sollte kein politisches Zeichen sein. Leider wird es aber in bestimmten Kreisen genau so verstanden. Hier kommt man auch mit Rationalität nicht weiter. Denn den Leuten ist es wichtiger, ein politisches Zeichen zu setzen und keine Maske zu tragen, als ihre Gesundheit und die Gesundheit Anderer zu schützen. Leider gibt es keine schlauen Argumente, mit denen man hier weiterkommt.

Übrigens – und nur am Rande – es gibt Leute, die mir vorwerfen, dass ich zum Beispiel in der Frage von Masken meine Position auch nur deswegen habe, weil meine rot-grüne Bubble mir das diktiert hat. Das ist aber nachweislich falsch. Ich habe mich aufgrund von Evidenz und risikoethischen Erwägungen schon von Anfang an für Masken ausgesprochen – auch da schon, wo Leute wie Christian Drosten noch gegen Masken waren.

Apropos Bubble: Wie kann man Menschen davor schützen, in problematische Bubbles zu geraten?

Menschen ziehen sich meines Erachtens in dem Maße in Blasen zurück, in dem sich die Gesellschaft sozial und politisch polarisiert. Alles, was der Depolarisierung dient, ist also hier hilfreich. Ein Punkt, den ich hier besonders im Blick habe, ist, wie gesagt, das Denken in Identitäten. Das ist auf allen Seiten des politischen Spektrums ein Problem, weil man Menschen, die eine andere Identität haben, ausstößt und ablehnt.

Wenn man zum Beispiel nicht mit jemandem reden will, weil er eine Sympathie für die AfD hat, dann bewirkt man damit etwas, das man eigentlich vermeiden sollte: nämlich, dass diese Person wohl nur noch mit anderen AfD-Sympathisanten an einem Tisch sitzt und vermutlich überhaupt keine Gegenargumente mehr hört. Ich würde deswegen wirklich darauf achten, freundlich und menschlich im Umgang zu bleiben. Das heißt nicht, dass man in der Sache zustimmen muss – hier kann man, soweit es die Argumente zulassen, hart bleiben. Aber man sollte Anderen signalisieren, dass man sie als Mitmenschen achtet und bereit ist, vernünftig zu reden – auch dann, wenn man ganz anders denkt als sie.

Ist denn jede Bubble schlecht?

Interessante Frage. Nicht jede. Das Problem für unsere Lebenspraxis ist ja: Wie gehen wir eigentlich als Laien mit schwierigen Fragen um, bei denen wir keine Expertise haben? Wir können ja nicht Expertinnen und Experten in allen möglichen Bereichen sein, müssen aber trotzdem Entscheidungen treffen. Sich hier auf eine Experten-Community zu stützen, ist natürlich sinnvoll. Bei Licht betrachtet ist das aber auch nur eine Art Filterblase, denn es werden ja auch hier Informationen gefiltert. Nur eben nicht auf eine problematische, sondern auf eine hilfreiche, konstruktive Weise.

Und wie gehen wir dann mit Expertise um? Einfach auf die Mehrheit hören?

Das kommt darauf an, um welche Frage es geht. Angenommen, ein Experte sagt, „das Coronavirus stammt aus einem Forschungslabor“, auf der anderen Seite gibt es neun Expertinnen und Experten, die das anders sehen. Sollten diese Personen gleich kompetent und unabhängig voneinander zu ihren Einschätzungen gekommen sein, dann ist es deutlich wahrscheinlicher, dass das Virus nicht aus einem Forschungslabor kam. Damit kommt man schon mal ein bisschen weiter, wenn es darum geht, sich eine Einschätzung zu erarbeiten. Aber es ist wichtig, dass man die Frage, um die es geht, genau im Blick hat. Die Frage könnte ja auch eine praktische sein: Sollten wir uns gegen Leaks aus Forschungslaboren absichern? Hier könnte man sagen: Auch wenn nur einer von zehn Experten glaubt, dass solche Leaks vorkommen, ist das Risiko, dass hier – wie im Fall des neuartigen Coronavirus – eine Katastrophe passiert, so hoch, dass wir über Absicherungsmaßnahmen reden müssen. Wohl gemerkt, obwohl wir eigentlich nicht wirklich glauben, dass hier ein Problem besteht. Das ist kein Widerspruch, sondern eine vernünftige Praxis im Umgang mit Risiken.

Genauso müsste man doch sagen: Wenn sich neun von zehn Expert*innen sicher wären, dass es keine pandemische Bedrohung gäbe, dass wir alles im Griff haben – aber eine Person sagt: „Achtung, wir sollten hier präventiv tätig werden“, dann wäre es sinnvoll, auf diese eine Person zu hören.

Exakt. Das folgt auch. Wenn es stimmt, was diese eine Person sagt, dann wäre der Schaden immens. Das ist eine risikoethische Abwägung, die man machen muss. Hätten wir in Deutschland das gleiche Modell verfolgt wie zum Beispiel Taiwan, also die Grenzen weitestgehend dichtgemacht, sehr systematisch Tests eingeführt, immer alle Fälle nachverfolgt – dann wären wir jetzt in einer sehr guten Situation. Wir hätten alle Freiheiten, viele Unternehmen würden nicht Pleite gehen müssen, der ganze bildungsökonomische Schaden wäre nicht eingetreten, denn wir hätten die Schulen offenhalten können. Auch dieses Vorgehen hätte natürlich Kosten erzeugt, aber eben sehr viel geringere Kosten im Vergleich zum jetzigen Schaden.

Du selbst hattest ja vor Beginn der Coronakrise entsprechende Empfehlungen in Richtung der Politik ausgesprochen.

Mein Kollege Adriano Mannino und ich haben vor Beginn der Krise ein kleines Team gegründet, Analysen durchgeführt und Empfehlungen erarbeitet. Unter anderem haben wir uns dafür ausgesprochen, die Grenzen temporär dicht zu machen und keine Menschen aus China mehr ins Land zu lassen oder erst nach 14-tägiger Quarantäne. Einige haben uns deshalb für Rechtsideologen gehalten. Denn die Forderung, die Grenzen zu schließen – das kennt man ja auch von der AfD und der Identitären Bewegung. Wir haben gedacht: das kann doch nicht sein, die Argumente müssten doch eigentlich für sich sprechen! Aber einige unserer Aussagen wurden eben als Marker für Dinge genommen, mit denen wir uns überhaupt nicht assoziieren wollten, hier zum Beispiel Rassismus oder Fremdenfeindlichkeit.

Da sind wir wieder beim Anfangsproblem: Ihr wurdet in eine Schublade gesteckt. Wie stellt man fest, ob man es gerade mit einer problematischen Lagerbildung zu tun hat?

Ein Test, den man machen kann, sieht – etwas holzschnittartig – so aus: Wenn du weißt, dass eine Person eine bestimmte Auffassung zu einem kontroversen Thema hat, zum Beispiel zum Klimawandel – kannst du dann auch mit einer hohen Wahrscheinlichkeit vorhersagen, welche Auffassung sie zu einer komplett anderen Frage vertritt, die nichts damit zu tun hat? Zum Beispiel zu Fragen der Migrationspolitik? Oder zur Gentechnik? Wenn das so ist, läuft eventuell etwas schief. Es kann schon Meinungscluster geben. Aber das sollte nicht so weit gehen, dass große Gruppen der Gesellschaft komplett uniforme Einstellungen haben – vor allem dann nicht, wenn es um strittige Themen geht, die sachlich voneinander unabhängig sind.

Hier ist unter Umständen die beste Erklärung: Menschen rechnen sich einer Seite zu, weil ihnen bestimmte Standpunkte sympathisch sind. Dann übernehmen sie auch noch andere Standpunkte der eigenen Seite, weil „Leute wie wir“ das eben glauben. Mit anderen Worten: Vielleicht hat man sich zu Thema A Gedanken gemacht. Aber bei Thema B kopiert man einfach die Einstellung der Gruppe, der man sich zurechnet. Das wäre rational, wenn eine Seite tatsächlich alle Antworten und immer Recht hätte. Leider ist das aber nicht so. Deswegen sollte man auch der anderen Seite zuhören.

Auch wenn von dieser Seite viel Stuss kommt?

Auch wenn man sich viel Unsinn anhören muss, muss man offen dafür bleiben. Mist ist halt auch ein guter Dünger, und daraus kann irgendwann ein schönes Pflänzchen wachsen. Wir müssen in der Lage sein, uns gegenteilige Standpunkte anzuhören. Mich nervt es zum Beispiel auch, mir Querdenker-Argumente anhören zu müssen. Aber wenn bei hundert problematischen Argumenten auch nur ein Aspekt dabei ist, den ich vielleicht übersehen habe, dann hat sich das doch gelohnt.

Wir sollten also etwas gegen diese Polarisierung tun. Das Humanismus-Lager hat hier meines Erachtens einen großen Hebel, weil wir eine Gruppe von Menschen sind, die vernünftige Standpunkte haben und die an der Wahrheit interessiert sind. Unser Ziel sollte es sein, diese Einstellung und eine rationale Diskussionskultur auch in den Rest der Gesellschaft zu tragen.

Das Interview führte Lydia Skrabania.

Zur Person
Dr. Nikil Mukerji (*1981 in München) ist akademischer Geschäftsführer des Studiengangs Philosophie Politik Wirtschaft der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Er ist Teil des neugegründeten HVD Bayern, Vorsitzender des Wissenschaftsrats der GWUP und Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des Hans-Albert-Instituts.