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8.000 wertvolle Stunden – Perspektive zur frühkindlichen Bildung

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In den Humanistischen Kitas Berlin-Brandenburg verbringt ein Kind bis zu seinem Schuleintritt rund 8.000 Stunden – im Bundesdurchschnitt sind es schätzungsweise 7.000 Stunden. Das ist viel Zeit im Leben eines Kindes. Vor allem ist es äußerst wertvolle Zeit, die dazu verleitet, sie sinnvoll nutzen zu wollen. Nur wer bestimmt eigentlich, was Sinn macht? Von Aylin Lenbet.
Montag, 28. Juni 2021

Foto: Konstantin Börner

Warum diese vielen Stunden in der Kita besonders wertvoll sind, kann man aus verschiedenen Perspektiven betrachten. Der prominenteste Blickwinkel ist sicher der der Politik bzw. Wirtschaft. Es besteht ein großes öffentliches Interesse an frühkindlicher Bildung, da sie erwiesenermaßen einen starken Einfluss auf spätere Schulleistungen hat, die Bildungs- und Arbeitsmarktchancen erhöht und sich auch volkswirtschaftlich deutlich auszahlt. Wertvoll sind die ersten Lebensjahre auch für unser soziales Miteinander und damit für unsere demokratische Gesellschaft. Unsere sozial-emotionalen Kompetenzen entwickeln wir Menschen vor allem in den ersten Lebensjahren und unsere Werte, wie auch unser Bild unserer sozialen und kulturellen Umwelt, werden in dieser Zeit nachhaltig geprägt.

Die frühe Kindheit ist außerdem die kritischste und für Störungen anfälligste Phase im Leben des Menschen – auch das macht diese Lebensphase so bedeutend. Für unsere Gesellschaft, aber auch speziell aus Elternperspektive, hat der Schutz der Kinder vor Schaden oder Fehlentwicklungen daher oberste Priorität.

Aus den unterschiedlichen Perspektiven ergeben sich wiederum unterschiedliche Ansätze, wie man diese wertvolle Zeit möglichst sinnvoll gestalten sollte. Jede dieser Sichtweisen ist berechtigt und unterstreicht die Wichtigkeit der Kita-Zeit. Was ist aber mit der Perspektive der Kinder? Es sind ja ihre zigtausend Stunden, um die es hier geht. Wie möchten Kinder ihre Zeit verbringen? Was ist ihnen wichtig? Was muss der Ort Kita bieten, aus der Perspektive der Kinder, damit diese viele Zeit eine wertvolle, erfüllende ist?

Die Kita aus Sicht der Kinder gestalten

Möchten wir Kinder nicht zum Objekt unserer Erwartungen oder unserer Vorstellungen machen, sondern als Subjekt betrachten – in Tradition einer humanistischen und menschenrechtlichen Perspektive – so ist es die Aufgabe von uns Erwachsenen, die Kita-Zeit auch oder sogar vor allem aus der Sicht der Kinder zu denken und zu gestalten. Wir können dem Eigenrecht und der Eigenart der Kinder nicht gerecht werden, wenn wir ausschließlich aus Erwachsenensicht über ihre Zeit verfügen – darüber bestimmen, was für sie gut ist und was nicht.

Das heißt nicht, dass die unterschiedlichen Perspektiven der Erwachsenen für Kinder unbedeutend sind. Jedes Kind möchte seinen Platz in der Gesellschaft finden und dort einen wichtigen Beitrag leisten, möchte mit anderen Menschen vertrauensvolle Beziehungen eingehen und mit ihnen in Frieden leben, und jedes Kind möchte selbstverständlich unbeschadet durch seine Kindheit kommen. Nur denken Kinder anders als wir Erwachsene und die Wege, die sie gehen, um ihre impliziten Ziele zu erreichen, sind meist andere als die, die Erwachsene gehen würden. Und auch das, was sie auf ihren eigenwilligen Wegen brauchen, entspricht nicht immer erwachsenen Vorstellungen.

Humanistische Kitas als Wohlfühl- und Bildungsorte

Aus diesen Gründen sehen wir unsere Humanistischen Kitas nicht als einen von Erwachsenen ausgeklügelten Bildungsort mit vorbereitendem Charakter. Wir betrachten unsere Kitas vielmehr als Wohlfühlort für Kinder, der mit den Kindern gemeinsam entwickelt wird und dessen Gestaltung sich auf diese Weise an ihren Grundbedürfnissen nach Bindung, Kompetenz und Autonomie orientiert. Als Wohlfühlort werden unsere Kitas dann in Folge auch zum Bildungsort, denn kindliche Entwicklung bzw. Bildung findet vor allem dann statt, wenn Grundbedürfnisse Beachtung und Erfüllung finden.

Doch woher wissen wir, was genau eine Kita den Kindern bieten muss, damit ihre Bedürfnisse erfüllt werden? Aus den Ergebnissen der Quaki-Studie zur Kita-Qualität aus Kindersicht aus 2017 haben wir eindrückliche Anhaltspunkte bekommen, was für Kinder zwischen vier und sechs Jahren eine gute Kita ausmacht.

Eine wichtige Informationsquelle ist für uns auch die jährliche Kinderbefragung in unseren Kitas, in der wir die Kinder zu dem gleichen Thema befragen, zu dem wir auch die Team-Evaluation durchführen. Die wohl aussagekräftigsten Hinweise darüber, was den Kindern wichtig ist, erhalten wir jedoch im täglichen Dialog mit den 2.600 Kindern in unseren 26 Kitas.

Wenn wir uns anschauen, was Kinder sich wünschen bzw. was sie brauchen, um sich in der Kita wohl und sicher zu fühlen, zeigt sich ganz klar – es sind vor allem vier Aspekte ihres Kita-Lebens, die für sie wirklich relevant sind und es verwundert nicht, dass die pädagogische Qualität in genau diesen vier Bereichen nachweislich eindeutige Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung hat.

Vier Bereiche des Kita-Lebens, auf die es ankommt

Wie stellen wir in unseren Kitas also sicher, dass die Kinderperspektive den Kita-Alltag maßgeblich bestimmt? Es sind einige klare Grundsätze, die uns dabei helfen, unsere pädagogische Arbeit konsequent an den Bedürfnissen der Kinder auszurichten. Anhand der vier für die Kinder relevanten Bereiche ihres Kita-Lebens lassen sich diese Grundsätze gut darstellen:

Interaktion zwischen Kind und Pädagog*innen: Kinder möchten sich von den pädagogischen Fachkräften gesehen, ermutigt, wertgeschätzt und beschützt fühlen, Unterstützung erfahren und mit ihnen Spaß haben. Handlungsleitend in der Interaktion mit Kindern ist für unsere Pädagog*innen immer das Prinzip der Resonanz und des Dialogs. Resonanz als feinfühlige Antwort auf gezeigtes Verhalten gibt Kindern Orientierung und erzeugt Beziehung. Der sich anschließende Dialog ist das Mittel zur Beteiligung, da gemeinsames Denken und wechselseitige Entwicklung (Bildung) ermöglicht werden.

Selbstbestimmung und Gemeinschaft: Kinder möchten als individuelle Persönlichkeiten wahrgenommen und anerkannt werden, sich erproben, Grenzen austesten, mitreden, (mit-)entscheiden und Verantwortung übernehmen, sich durch Rituale und gemeinschaftliche Erlebnisse miteinander verbinden und sie möchten, dass ihre Beschwerden gehört und berücksichtigt werden. Unsere Pädagog*innen handeln nach dem Grundsatz, jegliche Individualität zu respektieren und sie im Kita-Alltag zu ermöglichen. Gleichzeitig gilt in unseren Kitas das Prinzip, Gemeinschaft gemeinschaftlich zu gestalten, d.h. Kinder gestalten ihren Kita-Alltag gemeinsam mit den Pädagog*innen und übernehmen damit Verantwortung.

Raum und Material: Kinder möchten sich als Teil der Natur erleben, sie mit allen Sinnen erkunden, sich mit existenziellen Themen beschäftigen, vielfältige Orte und anregendes Zeug zum Spielen nutzen, mit ihren Freund*innen eigene Spielräume und -möglichkeiten entdecken und sich frei bewegen. In unseren Kitas verfolgen wir den Grundsatz, dass Innen- und Außenräume für Kinder vielfältige, anregende Erfahrungen bieten müssen und durch Kinder maximal nutzbar, wandel- und gestaltbar sind.

Familie und Kita: Kinder möchten sich als Mitglied ihrer Familie und anderer sozialer Gemeinschaften wahrgenommen fühlen, sie möchten, dass ihre Familien Einblick in ihren Kita-Alltag haben und mit den Menschen in der Kita vertrauensvolle Kontakte pflegen. Auch in der Zusammenarbeit mit den Familien ist der Dialog das Prinzip und ermöglicht einen gleichwertigen und vertrauensvollen Austausch zwischen Kita und Eltern sowie bedarfsgerechte Unterstützungsangebote für Familien. Ein weiterer Grundsatz ist die Transparenz, durch die die Familien Einblick in das Kita-Leben erhalten und damit selbst Teil der Kita werden.

Über alle Bereiche hinweg und im gesamten Kita-Alltag gelten in unseren Kitas zudem drei Grundprinzipien:

• Partizipation, die grundsätzliche Beteiligung aller Beteiligten
• Inklusion, die Wertschätzung und Anerkennung von Unterschiedlichkeit
• Kinderschutz, die Bewahrung der Kinder vor Schaden und Beeinträchtigung

Die fachkundige Umsetzung unserer Grundsätze und -prinzipien, Tag für Tag, schafft die Voraussetzung dafür, dass Kinder ihren Platz in der Welt selbstbewusst und kompetent einnehmen können – 8.000 wertvolle Stunden sinnvoll genutzt, im Sinn(e) der Kinder.

Sie interessiert die verwendete Literatur? Fordern Sie gerne das Verzeichnis an: redaktion@diesseits.de.

Zur Person
Aylin Lenbet ist Diplom-Psychologin und leitet den Bereich Humanistische Frühpädagogik in der Abteilung Kita des Humanistischen Verbandes Berlin-Brandenburg.